Geschichte der Wiener elternverwalteten Kindergruppen

Textquelle: Mag.aTerri Lynn Helber-Treipl; erweitert von Mag.a Ingrid Rothbacher-Stastny, 2007

Beginn der Kindergruppenbewegung Ende der 60er Jahre
Entwicklung ab 1975
Kindergruppen heute


Beginn der Kindergruppenbewegung Ende der 60er Jahre

Das erste „Kinderkollektiv“ (später als Kindergruppen bezeichnet) wurde im Zuge der Studentenbewegung 1969 in Wien gegründet. Vorbild waren die in der BRD entstandenen Kinderläden.

Kinderkollektive verstanden sich als Gegenmodell zu den herkömmlichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Veränderung der Gesellschaft durch andere Formen des Zusammenlebens, durch andere Modelle von Erziehung war ein wesentliches Ziel.

Selbstverständnis

Gleichberechtigte Rollenaufteilung der Eltern in Erziehung Haushalt und Arbeitswelt; Väter und Mütter sollten möglichst gleichwertig Verantwortung und Arbeit in der Kindererziehung und allen anderen Lebensbereichen übernehmen.

In Anlehnung an theoretische Vertreter wie Adorno, Fromm, Marcuse, u.a. setzten sich Eltern und BetreuerInnen mit den damals vorherrschenden institutionellen Gegebenheiten im Kinderbetreuungsbereich auseinander. Vorbilder für die pädagogische Umsetzung/Anwendung von Modellen in den Kinderkollektiven waren die Erziehungskonzepte- und Berichte der Kinderläden in der BRD. Mann/Frau setzte sich mit den psychoanalytischen Ansätzen nach M. Klein, A.Freud auseinander - Kinder wurden nicht länger als zu erziehende/formende Objekte gesehen sondern als eigenständige, handelnde Wesen die es in ihrer Entwicklung zu unterstützen und zu begleiten galt. Wichtiger Autor - und Initiator eines alternativen Kinderbetreuungsprojekt Schule Summerhill - zum Thema antiautoritäre Erziehung war A.S.Neill: „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ (1969). Für viele waren seine Ansätze wichtige Impulsgeber in der Kindererziehung und -betreuung.

Pädagogische Umsetzung

Wichtige Elemente in der Erziehung waren die Ich-Stärkung der Kinder, das Zulassen und Akzeptieren kindlicher Sexualität u.a.m. Es galt die Kritikfähigkeit, Freiheit und Kreativität der Kinder zu unterstützen und zu fördern. Das Kleinkind wurde als kreatives, aktives Wesen, mit vielfältigen sozialen Bindungs- und Gruppenfähigkeiten erkannt. Als lernendes und aktiv handelndes Individuum, das seine Erfahrungen und Entwicklungsschritte mitbestimmen kann. Durch bewußte Zurückhaltung der Erwachsenen sollte den Kindern Raum gegeben werden, ihren Tagesablauf selbst zu bestimmen, Spiele eigenständig zu entwickeln, Konflikte auszutragen und Freundschaften zu schließen. Ein weiteres wichtiges Ziel war die Förderung der Solidarität in der Gruppe.

Ziele der Kinderkollektive

Durch das große Interesse vieler Eltern und BetreuerInnen am Modell des Kinderkollektivs wurden Kindergruppen als Alternative zur herkömmlichen Kinderbetreuungslandschaft bekannt, geschätzt und vermehrt in Anspruch genommen (in Wien gab es 1975 bereits 14 Kindergruppen). Durch das vermehrte Interesse an dieser Betreuungsform wurden erstmals Subventionen ausbezahlt und teilweise kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.

Gründungen weiterer elternverwalteter Kindergruppen in ganz Österreich und das Anwachsen der Gruppen waren die Folge.

Entwicklung ab 1975

Die Kinderkollektive und Kinderläden der Anfangsjahre wurden nach und nach von einer wesentlich breiter gestreuten Alternativbewegung abgelöst. Hatten die ersten Kinderkollektive vor allem StudentInnen gegründet und organisiert , wurden nun die Kindergruppen auch von vielen berufstätigen Eltern und AlleinerzieherInnen genützt. Kindergruppen begannen vermehrt professionelles, ausgebildetes Personal anzustellen, es wurde um Subventionen angesucht. Die Kindergruppen begannen verstärkt sich zu vernetzen, der Wiener Dachverband der Kindergruppen wurde gegründet (1980) um Koordinations- Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu bündeln und anbieten zu können.

Selbstverständnis

Die Kindergruppen verstanden sich nun in erster Linie als Selbsthilfe zum Lebensalltag und als Alternative zu den öffentlichen Einrichtungen: Kindergruppen als Ergänzung zur Kleinfamilie. Sie waren aber auch insbesondere eine Reaktion auf mangelnde adäquate Betreuungsplätze für die 1-3 jährigen Kinder (die vorhandenen privaten und öffentlichen Krippen waren weitgehend Aufbewahrungsstätten geblieben und als „Notlösung“ für arbeitende Mütter gedacht).

Pädagogische Umsetzung

Die Basis der selbstorganisierten, elternverwalteten Kindergruppen wurde erstmals in der Studie „Selbstverwaltete Kindergruppen in Österreich“ (Fischer-Kowalski M., 1987) als „anderer Umgang“ definiert. Dieser wurde später im Manifest (BÖE 1993) nochmals überarbeitet und als Grundlage für Kindergruppen in Österreich herausgegeben. Ausgegangen wurde/wird von einer gleichwertigen Beziehung zu den Kindern, wo ein Umgang miteinander von gegenseitiger Akzeptanz, Empathie (Einfühlung), Anerkennung und gegenseitiger Achtung geprägt ist.

Weitere Impulse bekamen die Kindergruppen von der Antipädagogik. In diesem Zusammenhang können Braunmühl, Miller und Schönebeck genannt werden. Diese AutorInnen gingen von einer Beziehung zu Kindern aus, die auf gleichberechtigter Basis gelebt wird. Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Authentizität und Eigenverantwortung gelten bis heute als wichtigste Säulen des „Anderen Umgangs“ mit Kindern.

Ziele

Kindergruppen werden österreichweit als alternative und akzeptierte Form der Kinderbetreuung gesehen und auch selbstverständlich genutzt. Landesverbände in den Bundesländern entstehen, der BÖE-Bundesverband der österreichischen elternverwalteten Kindergruppen wird gegründet und vertritt die Kindergruppen auf Bundesebene.

BÖE-Bildungszyklus: eine zweijährige Ausbildung zur KindergruppenbetreuerIn wird organisiert und durchgeführt. KindergruppenbetreuerIn als Profession, als Beruf beginnt sich zu etablieren. Die Ausbildung wird nach wie vor in mehreren Bundesländern angeboten.


Kindergruppen heute

Kindergruppen heute verstehen sich als innovatives Familienmodell, das einen Dialog über die unterschiedlichsten Grundhaltungen, Vorstellungen und Lösungen zulässt. Modelle von Montessori, Wild, Steiner- und anderen pädagogischen Richtungen werden in Kindergruppen angewandt und je nach Schwerpunkt in die Kindergruppen eingebracht. Der „andere Umgang mit Kindern“ bildet nach wie vor die pädagogische Basis in elternverwalteten Kindergruppen.

Neben dem Beibehalten einer kleinen Gruppengröße (Maximal 14 Kinder in Wien erlaubt, in NÖ 15 Kinder) die ein individuelles Betreuen der Kinder garantiert, ist die nicht-hierarchische Struktur in den elternverwalteten Kindergruppen selbstverständlich geblieben. Elternmitarbeit, Elternbeteiligung an den Aktivitäten der Kindergruppen findet sowohl in elternverwalteten wie in nicht-elternverwalteten Kindergruppen großteils statt.

Die strukturellen Rahmenbedingungen von Kindergruppen in Wien und NÖ werden durch das Wiener (seit 2001) und NÖ (seit 1996) Tagesbetreuungsgesetz und dessen Verordnung geregelt, die nahezu ident sind. In den weiteren Bundesländern gibt es zum Teil keine gesetzliche Regelung für Kindergruppen, bzw. andere Regelungen. Das resultiert daraus, dass Kinderbetreuung nach wie vor Ländersache ist und daher kein einheitliches Bundesrahmengesetz vorliegt.